Antje, Trainerin und Coach für Projektmanagement


Liebe Antje, bitte stelle dich kurz vor. 

 

Ich bin Antje Lehmann-Benz, 39 Jahre alt, seit 16 Jahren in IT-Projektumfeldern unterwegs, und seit 11 Jahren auch im Project Management Institute (PMI) ehrenamtlich engagiert. Seit einigen Jahren bin ich Trainerin und Coach für Projektmanagement und agile Themen. Ich lebe in München und habe zwei Töchter (6 und 11 Jahre). 

 

Du bist Trainerin für (Agiles) Projektmanagement. Was sind die zwei wichtigsten Dinge, die du bei jedem Training vermitteln möchtest?

 

Dass wir im Projektmanagement versuchen sollten, Gräben zu überwinden, statt welche zu bauen: Beispielsweise zwischen klassischem Projektmanagement und agilen Methoden, oder generell zwischen verschiedenen Ansätzen, auch Branchen und Kulturen. Diversität ist mir in vielerlei Hinsicht wichtig und, dass in meinen Seminarräumen verschiedene Meinungen zwar gerne diskutiert, aber generell akzeptiert werden. Das führt dazu, dass sich Menschen mehr öffnen können. So entsteht dann eine positivere Lernatmosphäre, in der keiner beweisen muss, dass er alles weiß und andere nichts. Viele Leute begrüßen das sehr.

 

Erlebst du einen Unterschied zwischen Frauen und Männern in deinen Trainings. Wenn ja, welchen? 

 

Einige Frauen haben es schwerer, selbstbewusst als die Projektmanagerinnen aufzutreten, die sie längst sind. Sie wuppen unglaublich viel und stellen dabei ihr Licht nicht selten unter den Scheffel. Manchmal sogar sichtbar, indem sie in ihren Firmen als „Projektassistentinnen“ geführt werden – obwohl sie ihre Projekte eigentlich hauptverantwortlich managen.

Männer kennen diese Probleme nicht so, da ihnen von Haus aus normalerweise zugetraut wird, Projekte zu leiten. In vielen Unternehmen müssen sich Frauen dieses Vertrauen anscheinend erst einmal verdienen und werden selbst dann nicht immer gesehen. 

Das hat auch mit unserer Denke zu tun. Erstmal ist gerade im Deutschen immer die Rede von: „der Entscheider“, „der Chef“, „der Projektleiter“, „der Scrum Master“ – auch wenn diese Rollen von Frauen ausgefüllt werden. Das macht das Kämpfen um Sichtbarkeit nicht einfacher. Dann ist die Zahl der Frauen in unserem Berufsfeld auch einfach noch nicht so wahnsinnig hoch. Hier würde ich mir natürlich wünschen, dass mehr Frauen Lust haben, in Projekten zu arbeiten. 

Das von mir eher bei Männern als tendenziell größer empfundene Selbstvertrauen hat Auswirkungen in Seminaren: Wenn ich als Frau vorne stehe und den Leuten etwas erzähle, das für sie neu ist und das eventuell ihr bisheriges Denken hinterfragt, und wenn dann harsche - ja unkonstruktive - Kritik als erste Reaktion kommt – dann ist mir das bisher nur mit Männern passiert. Ich muss allerdings auch sagen, dass Männer circa 70-80% der Teilnehmer ausmachen. Manchmal 100%. Dass ich im Seminar die einzige Frau bin, ist gar nicht so selten. 

Das eben Beschriebene sind Situationen, mit denen man als Seminarleiterin natürlich zurechtkommen muss und die einfach passieren können. Das kann jede Kollegin und jeder Kollege sofort bestätigen. Vielen Männern ist ein solches Verhalten anderer im Training selbst unangenehm, und dann ist es gut, wenn sie dies deutlich sichtbar machen. Das kommt zum Glück fast genauso häufig vor.

 

Wann ist eine Mentoring-Beziehung deiner Meinung nach erfolgreich? Welche Vorteile hat es für Mentorin und Mentee? 

 

Ein guter Zeitpunkt mit einer Mentorin in einer Tandembeziehung einzusteigen ist nach den ersten Berufsjahren oder bei Wunsch nach einem Jobwechsel ggf. auch in ein anderes Unternehmen. Die Mentee reflektiert ihre Stärken und persönlichen Präferenzen, entwickelt Führungskompetenz, baut ihr Berufsnetzwerk auf bzw. aus, verbessert ihre Aufstiegschancen und lernt insbesondere beim unternehmensübergreifenden Cross-Mentoring andere Unternehmenskulturen kennen. Die Mentorin ihrerseits erweitert das Verständnis über Motive, Interessen und Ziele einer jüngeren Generation und darüber ihre Führungserfahrungen. 

 

Was verstehst du unter Diversität im Projektmanagement? 

 

Die Vielseitigkeit von Ansätzen, aber natürlich auch kulturelle Diversität und die der Geschlechter und des Alters. Eigentlich jede Art von Vielfalt. Prinzipiell finde ich, jeder kann voneinander lernen, wenn der Horizont offen bleibt. 

 

Wie schätzt du den aktuellen Stand von Diversität im Projektmanagement?
Was wünscht du dir für die Zukunft? 

 

Ganz ehrlich? Eher schlecht. Momentan dominieren bestimmte Haltungen und Meinungen die Diskussionen. Etwa bei den Lagern „Agilisten“ vs. „klassische Projektmanager“: Gewählte Ansätze werden fast religiös gehandelt, als wäre nicht jedes Projekt und sogar jede Projektsituation einzigartig. Einzigartigkeit lässt sich aus meiner Sicht nur mit Vielfalt begegnen. Projektmanagerinnen und Projektmanager (warum ich diese Bezeichnungen so ausführlich schreibe? S. die Antwort auf Frage 3 ;) ) brauchen aus meiner Sicht eine Art „Werkzeuggürtel“ voller Methoden, Erfahrungen und Kenntnisse, praktisch wie theoretisch. Und dann können sie situationsgerecht entscheiden, wie sie an gegebene Sachverhalte herangehen wollen.

Und wie weiter oben bereits beschrieben, könnte der Stand der Dinge hinsichtlich Geschlechtergerechtigkeit ebenfalls besser sein. Auch bei kultureller Verschiedenheit sieht es etwas mau aus: Projektmanager, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen und hier eine Stelle suchen, schauen erfahrungsgemäß in die Röhre, wenn ihr deutsch nicht verhandlungssicher ist, selbst bei exzellenten Englischkenntnissen und mit guten Zertifikaten und passendem Lebenslauf. Nachdem ich mittlerweile sehr vielen Personen mit einem solchen Hintergrund bei der Stellensuche geholfen habe, kann ich das ganz klar sagen. Man muss sich auch nur einmal die Stellenangebote ansehen: Die meisten sind auf Deutsch und verlangen verhandlungssicheres Deutsch. Klar, wir leben in Deutschland, Kunden sprechen und verlangen oft deutsch. Projekte und Teams werden gleichzeitig aber auch immer internationaler und Firmennetzwerke, die in Projekten zusammenarbeiten, zunehmend grenzüberschreitend. Auf kurz oder lang müssen viele im Projektmanagement in vielerlei Hinsicht etwas mehr aus ihrer Komfortzone heraus. Was mir wichtig ist, ist dass dies nicht als Bedrohung empfunden wird, sondern als Chance – denn das ist es. Teams, in denen Frauen und Männer verschiedener Altersgruppen, mit verschiedensten beruflichen und kulturellen Hintergründen aus einem Repertoire an unterschiedlichen Ansätzen und Methoden schöpfen, um gemeinsam auf Ziele hinzuarbeiten, haben es zwar sicherlich nicht immer einfach, zusammenzuwachsen. Aber bei klaren Vorgaben und offener Haltung auf allen Seiten haben sie aus meiner Sicht deutlich mehr Potential, Kreativität, Motivation und Erfolgschancen als gänzlich homogene Gruppen. 

  

Was begeistert dich am Projektmanagement? 

 

Es ist ein unglaublich weites Feld und betrifft so viele Branchen und Berufsfelder. Sogar im Privatleben hat es Auswirkungen: Gute Projektmanager haben nicht selten auch Zugriff auf Ideen, wie sie ihren Alltag besser organisieren können. Eigentlich geht es um Organisation. Und am Ende auch auf die Frage: Wie wollen wir arbeiten? Wie wollen wir uns organisieren? Wie wollen wir uns gegenübertreten und behandeln? Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Das ist es etwa, was mich an agilen Methoden am meisten fasziniert: Laut agilem Manifest steht bedingungslos erstmal der Mensch im Mittelpunkt des Projekts. Und natürlich wissen richtig gute klassische Projektmanager und Teamleiter das auch. Hier wird es wirklich spannend: Wie viel Selbstorganisation können wir zulassen, wieviel Kontrolle aufgeben, ohne dass die Dinge aus dem Ruder geraten? Wie sind gute Teams aufgebaut, was bringt uns Heterogenität und Vielfalt? Wie können wir verkrustete Strukturen auflösen? Sind wir da hilflos und ausgeliefert – oder vielleicht doch nicht? Was braucht es, um motiviert arbeiten zu können? Wie können uns neue Technologien dabei helfen? Das sind die Themen, die mich und die Teilnehmer immer am meisten bewegen und bei denen die Seminare wirklich interessant werden.